Jugendmedienschutz und Computerspiele

Derart blutrünstig geht es in der Spielwelt von Mario und Luigi (Nintendo) normalerweise nicht zu.
Derart blutrünstig geht es in der Spielwelt von Mario und Luigi (Nintendo) normalerweise nicht zu. Bild: Casey Fleser, Lizenz: CC BY

Um Minderjährige vor Medienangeboten zu schützen, die für ihren Entwicklungsstand nicht geeignet sind, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen oder gar schädigen könnten, gibt es in vielen Ländern Alterskennzeichnungen mit mehr oder weniger verbindlichem Charakter – hier finden Sie einen Überblick.

Deutschland

Der Jugendmedienschutz in Deutschland ist Teil des strukturellen, erzieherischen und gesetzlichen Jugendschutzes. Bei Computerspielen folgt er dem „Prinzip der regulierten Selbstregulierung“: Der Staat schafft die gesetzlichen Rahmenbedingungen und freiwillige Selbstkontrolleinrichtungen sorgen für deren praktische Anwendung. Diese müssen schließlich von den Anbietern der Unterhaltungsangebote umgesetzt werden. Ähnlich wie bei der Kennzeichnung von Kinofilmen, ist es das Ziel, die Eigenverantwortung der Industrie zu stärken.

Spiele, die auf einem Trägermedium (CD, DVD, Blu-Ray) veröffentlicht werden, dürfen nur dann in Deutschland vertrieben werden, wenn sie von der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) geprüft wurden. Die Alterskennzeichen der USK sind in Deutschland rechtlich verbindlich, wobei vor allem den Verkäufern der Spiele eine wichtige Rolle beim Vollzug der Regelungen zufällt. Aber Eltern, Großeltern, ältere Geschwister etc. haben die Möglichkeit, den Kindern Spiele zugänglich zu machen, die nicht für ihr Alter bestimmt sind.

USK – Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle

Die Softwarehersteller reichen ihre Spiele bei der USK ein, Sichter/innen spielen diese Titel nach Möglichkeit komplett durch und stellen markante Szenen und Gewaltspitzen einem plural besetzten, unabhängigen Prüfgremium vor.

USK-Alterskennzeichen im Überblick
Die Alterskennzeichen der USK sind in Deutschland zwar rechtlich bindend – als pädagogische Empfehlungen sind sie jedoch nur bedingt geeignet.

Dieses Gremium hat auch die Möglichkeit, selbst anzuspielen und entscheidet per Mehrheitsbeschluss über die Altersfreigabe. Den Vorsitz dieses Gutachterteams hat ein sogenannter „Ständiger Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden“, dem die endgültige Entscheidung über die Altersfreigabe obliegt. Der betroffene Hersteller des Computerspiels kann genauso wie der Ständige Vertreter gegen die vom Gremium getroffene Entscheidung Einspruch einlegen, was ein erneutes Prüfungsverfahren auslöst.

 

Die USK-Kennzeichen sind nicht als pädagogische Empfehlungen zu verstehen. Sie sagen nichts darüber aus, ob ein Kind oder ein Jugendlicher mit den emotionalen, intellektuellen und motorischen Anforderungen eines Spiels zurechtkommt.

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

Neben der Selbstkontrolle sieht das Gesetz auch die Möglichkeit einer Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) vor. Spiele auf dem so genannten „Index“ gelten als jugendgefährdend und dürfen Minderjährigen nicht zugänglich gemacht werden. Für sie bestehen außerdem bestimmte Vertriebs-, Werbe- und Verbreitungsbeschränkungen. Eine Indizierung durch die BPjM und eine Alterskennzeichnung durch die USK schließen sich dabei gegenseitig aus.

Als jugendgefährdend gelten laut Jugendschutzgesetz „unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien sowie Medien, in denen Gewalthandlungen wie Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert dargestellt werden oder Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird“. Weitere Informationen bietet die BPjM in einem ausführlichen Dokument.

 

Verstoßen Inhalte gegen Strafrechtsvorschriften (z.B. Volksverhetzung, Tierpornographie), so kommt es zu einer „Beschlagnahmung“ durch die Strafverfolgungsbehörden. Diese Medien dürfen weder Minderjährigen noch Erwachsenen in irgendeiner Form zugänglich sein.

Jugendschutz bei Online-Spielen und Apps

Online-Spiele und Apps unterliegen ab Mai 2015 einem neu eingeführten Alterskennzeichnungssystem der IARC (International Age Rating Coalition), einem internationalen Zusammenschluss mehrerer Jugendschutz-Einrichtungen. Als erste App-Plattformen haben sich der Google Play Store und der Firefox Marketplace diesem System angeschlossen. Neu angebotene Apps werden ab Mai stets mit einer internationalen, einheitlichen Altersfreigabe in den teilnehmenden App-Stores gekennzeichnet. Durch das neue Jugendschutzsystem soll es Eltern zukünftig ermöglicht werden, Online-Spiele und Apps für ihre Kinder anhand der Alterskennzeichnung gezielt auszuwählen. Spezielle Filter erlauben es den Eltern dann zudem, eine Altersbeschränkung für Anwendungen auf den mobilen Endgeräten der Kinder einzurichten. In Deutschland wird die Alterseinstufung der Apps und Online-Spiele von der USK durchgeführt, die bei der Einstufung die deutschen Standards berücksichtigt. Die USK ist Mitbegründer der IARC.

 

Die ab Mai 2015 eingeführten Kontrollen betreffen zunächst nur neu veröffentlichte Anwendungen. Apps, die vor dem 1. Mai 2015 bereits zum Bestand des Google Play Store und des Firefox Marketplace gehörten, werden nicht nachträglich kontrolliert. Die Entwickler der Apps können allerdings eine eigene Alterskennzeichnung nachreichen, um den Status „Nicht eingeschätzt“ auf den Plattformen zu vermeiden. Neben den bereits bestätigten Partnern wird die Teilnahme weiterer Anbieter wie dem Microsoft Xbox Live Store, dem Nintendo eShop und dem Playstation Store zu einem späteren Zeitpunkt erwartet.

Pädagogische Ratgeber als Ergänzung

Bei der Einschätzung bestimmter Spiele können pädagogische Ergänzungsangebote helfen: Portale wie der Spieleratgeber NRW, die Spielbar der Bundeszentrale für politische Bildung oder das Internet-ABC, bieten Eltern, Lehrkräften, Pädagoginnen und Pädagogen Orientierung für den Erziehungsalltag. Viele Online-Rollenspiele (z.B. auch „World of Warcraft“) sind von der USK zwar ab 12 Jahren freigegeben, weisen jedoch durch eine ständig vorhandene Spielwelt, die permanente virtuelle Verfügbarkeit der Mitspieler, den sozialen Vergleich und Gruppendruck teils enorme Bindungs- bzw. Suchtfaktoren auf. Ein Aspekt, der von der USK nicht in die Vergabe der Kennzeichen einfließt.

Jugendschutzsysteme

Bei Handhelds wie Nintendo 3DS und Sony PlayStation Vita, aber auch bei Smartphones und Tablets gilt zu beachten, dass auch sie WLAN-fähig sind und Surfen auch unterwegs möglich ist. Gerade die mobile Nutzung lässt sich von den Erziehungsberechtigten zumeist nicht kontrollieren. Der Nintendo 3DS beispielsweise verfügt über vorinstallierte Chat-Rooms und über Funktechnologie, die es erlaubt, mit anderen anwesenden Handheld-Besitzern Multiplayer-Spiele zu nutzen. Die Chat-Rooms sind oftmals nicht moderiert und bergen die gleichen Gefahren wie andere Chats auch. Besonders weil sich hier das Surfen der elterlichen Kontrolle entzieht, sollten pädagogische Sicherheitsmaßnahmen vorab getroffen werden. Denn genau wie auf dem PC können auch auf den Konsolen und Handhelds Jugendschutzeinstellungen vorgenommen werden. Hiermit ist es möglich die Inhalte zu steuern, wie auch die tägliche oder wöchentliche Spieldauer zu verwalten.

Der Spieleratgeber-NRW erklärt in verschiedenen Artikeln die jeweiligen Jugendschutzsysteme:
PlayStation 3
Xbox 360, Nintendo Wii U
Apples App Store
Google Playstore

Mehr zu diesem Thema finden Interessierte auch im Eltern-Bereich des Internet-ABC.

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Andere Länder – andere Regeln

Deutschland ist das einzige europäische Land, in dem über die Alterskennzeichnung von Computerspielen durch ein unabhängiges Expertengremium entschieden wird.

PEGI-System
Mit dem „PEGI-System“ sind auch Games des deutschen Spielemarkts gekennzeichnet.

Fast alle anderen europäischen Länder setzen auf das PEGI-System. Die Empfehlungen von USK und PEGI unterscheiden sich bei einzelnen Spielen erheblich, nicht immer sind übrigens die Altersfreigaben der USK strenger. Die Bewertungskriterien hängen von politischen Ansichten und moralischen Vorstellungen ab und diese sind natürlich gesellschaftlich und kulturell verschieden. So werden beispielsweise nationalsozialistische Symbole wie Hakenkreuze in Deutschland nicht toleriert, wohingegen „bad language“ (vulgäre Sprache) oder das Zeigen von nackter Haut als weniger problematisch eingestuft wird.

Es gibt Länder, in denen Spiele mit nicht jugendverträglichem Inhalt zusätzlich von einer nationalen Institution bewertet und freigegeben oder verboten werden. In Großbritannien ist dafür zum Beispiel das BBFC (British Board of Film Classification) zuständig.

PEGI – Pan European Game Information System
PEGI wurde als einheitliches europäisches System zur Bewertung und Kennzeichnung von Computerspielen entwickelt. Statt eines unabhängigen Expertengremiums wie bei der USK, füllen Spiele-Publisher selbst einen standardisierten Fragebogen aus, nach dem dann die Alterseinstufungen erfolgen. Um unterschiedlichen Moralvorstellungen gerecht zu werden, bietet PEGI nicht nur Altersvorschläge, sondern auch ergänzende Symbole, die sich auf den Inhalt beziehen. So erkennen Eltern schon beim Kauf, ob zum Beispiel Gewalt, Sex oder beängstigende Elemente im Spiel vorhanden sind.

Bis auf sehr wenige Ausnahmen wird das PEGI-System von allen europäischen Ländern genutzt. Die Altersempfehlungen der PEGI haben keinerlei bindenden Charakter und sind lediglich als Empfehlungen für Eltern gedacht. Es ist also nicht verboten, einem Kind ein Spiel zu verkaufen, welches nicht für sein Alter geeignet ist. Allerdings plant die EU-Kommission, sich diesbezüglich stärker um den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu kümmern. Gemeinsam mit dem Handel soll an einem Verhaltenskodex für den Verkauf von Computerspielen gearbeitet werden.

Die PEGI-Kennzeichen sind zwar auch auf den Verpackungen von Spielen in Deutschland aufgedruckt, gesetzlich bindend sind allerdings ausschließlich die USK-Kennzeichen.

ESRB – Entertainment Software Rating Board

In Nordamerika gibt es das Entertainment Software Rating Board (ESRB), eine Organisation, die einen Sitz in den USA und in Kanada hat. Das ESRB vergibt unverbindliche Altersempfehlungen für Software und kurze Hinweise auf problematische Inhalte wie beispielsweise „Use of Tobacco“, „Partial Nudity“ oder „Blood and Gore“. Aber auch in den USA wird in der Politik über einen verbindlichen Status von Altersfreigaben diskutiert.

CERO – Computer Entertainment Rating Organisation
In Japan existiert eine freiwillige Selbstkontrolle für Computerspiele. Es gibt zwar die „Computer Entertainment Rating Organisation“ (CERO), die Spiele prüft, eine Altersempfehlung ausspricht und Inhaltskennzeichnungen vornimmt – Spielehersteller sind jedoch nicht verpflichtet, ihre Produkte vorzulegen. Eine gesetzliche Regulierung gibt es lediglich für Spiele ab 18 Jahren.

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Links

USK – Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle
Kommission für Jugendmedienschutz (KJM)
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM)  
PEGI – Pan European Game Information System
ESRB – Entertainment Software Rating Board
Wikipedia-Artikel zur CERO

Chronik der Negativschlagzeilen
Die wichtigsten Computerspiel-Kontroversen im Überblick: eine chronologische Zusammenstellung der Bundeszentrale für politische Bildung

Zensur in 46 Spielen
Computerbild (2013) vergleicht Altersfreigaben und von der USK geforderte Bearbeitungen von Computerspielen

Pädagogische Praxis

Filmbildung im Deutschunterricht: The Present

Deutsch, Klasse 5–6, Sek I/Gym: Der Animationsfilm eignet sich für die Thematisierung der Figurenbeziehung und Bildsprache im Film und kann darüber hinaus zur Thematisierung von Behinderung, Tierliebe und Freizeitaktivitäten dienen. weiterlesen

Unterrichtsmodul: Computerspiele bewerten

Deutsch/fachunabhängig, Klasse 10, GY/WRS/RS: Ausgehend von ihren Spielerfahrungen unterziehen Jugendliche in diesem Unterrichtsmodul ein konkretes Spiel einer kritischen Analyse und präsentieren ihre Ergebnisse. weiterlesen

Unterrichtsmodul: Erfahrungen mit digitalen Spielen

Fächerverbund Mensch, Natur und Kultur/Deutsch/fachunabhängig, Klasse 4, GS/Förderschule: Im Mittelpunkt dieses Unterrichtsmoduls steht der Erfahrungsaustausch über den eigenen Umgang mit digitalen Spielen. Grenzen und Gefahren werden angesprochen und zum Lieblingsspiel ein Steckbrief und ein...weiterlesen

Weitere Anregungen für die pädagogische Praxis

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