MediaCulture-Online Blog

21.01.2014 | Christian Hörburger und Jiří Hönes

Eduard Mörike: Dichter, Pfarrer, Träumer

Eduard Mörike; Bild: DLA Marbach

„Mein Wappen ist nicht adelig,

mein Leben nicht untadelig,

und was da wert sei mein Gedicht,

fürwahr, das weiß ich selber nicht.“

 

Eduard Mörike

 

„Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte“ – Beinahe jeder kennt diese Verse Mörikes, doch mit der Würdigung des Dichters, Malers und Pfarrers haben sich die Deutschen stets schwer getan. War er der größte Lyriker neben Goethe, waren seine Verse doch manchmal auch manieristisch:

 

„Wie heißt König Ringangs Töchterlein?

Rohtraut, Schön-Rohtraut.“ ...?

Mörike, der Verkannte in der deutschen Literaturgeschichte oder doch das wortspielende Genie des Biedermeiers? Der Streit ist nicht entschieden, doch neigt sich die Waage heute wohl eher zur Entdeckung oder Wiederentdeckung des feinsinnigen Artisten, der im Windschatten der Klassiker lange überhört worden ist. Wir haben für Sie interessantes Material in Ton, Bild und Wort zusammengestellt, mit dem eine erste Einordnung Eduard Mörikes eigentlich gelingen sollte. Für die historischen Aufnahmen und Bilder danken wir dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Biografische Daten

Eduard Mörike im Scherenschnitt
Scherenschnitt Eduard Mörikes; Bild: DLA Marbach

Die wichtigsten Etappen von Mörikes Leben haben wir hier aufgelistet. Vieles ist akkurat nachgezeichnet: Sein Studium in Tübingen, seine Wanderschaft als Pfarrer, die der Dichter dann als „Vikariatsknechtschaft“ schilderte. Leider können auch wir das Rätsel um die Liebe und Liebschaft mit Maria Meyer (siehe weiter unten) nicht lösen – es bleibt ein Geheimnis, das zu den schönen Pelegrina-Gedichten geführt hat. Warum hat Mörike die schöne Kellnerin verlassen? War es die Schwester, die es dem Bruder abverlangte, als sie schrieb: „Sie selbst laß Dir gestorben sein“?

1804 Eduard Mörike wird am 8. September in Ludwigsburg als siebentes Kind des Stadt- und Amtsphysikus und herzoglichen Leibmedicus Karl Friedrich Mörike und dessen Ehefrau Charlotte Dorothea geboren.

 

1818–1822 Mörike besucht ab Oktober das „Niedere Theologische Seminar“ in Urach. Es kommt zu einer Freundschaft mit Johannes Mährlen und Wilhelm Hartlaub. Ab 1822 studiert er im Tübinger Stift Theologie.

 

1823 Mörike trifft in Ludwigsburg erstmals auf die geheimnisvolle Schönheit und Schweizerin Maria Meyer, eine Begegnung, die später in den Peregrina-Gedichten ihren Niederschlag finden soll.

 

1824 Er weicht einer Wiederbegegnung mit Maria Meyer aus. Es folgt eine Krankheitsphase, gefolgt von einer „Flucht“ nach Stuttgart zu Mutter und Schwester.

 

1825 Friedrich Theodor Vischer und David Friedrich Strauß treffen auf Mörike.

 

1826 Im Oktober legt Mörike sein theologisches Examen ab. Es beginnt die achtjährige Vikariatszeit mit Stationen in Oberboihingen, Möhringen, Köngen, Eßlingen, Pflummern, Plattenhardt, Owen an der Lauter, Eltingen bei Leonberg, Ochsenwang, Weilheim und Öthlingen.

 

1828 Der Versuch, die „Vikariatsknechtschaft“ gegen die freie Tätigkeit als Schriftsteller zu tauschen, scheitert.

 

1829 Im August verlobt sich Mörike mit der Pfarrerstochter Luise Rau. Am 10. Dezember 1831 schreibt Mörike seiner „teuersten Luise“: „Soeben werden mir zwei frische Leichen angezeigt. Ich könnte wahrlich einen Vikar brauchen, oder eine Vikaria, der ich nur diktieren dürfte. Ich wüsste so eine.“

 

1832 Veröffentlichung des Romans Maler Nolten.

 

1833 Lösung der Verlobung mit Luise Rau.

 

1834–1843 Mörike ist Pfarrer in Cleversulzbach und quittiert den Dienst auf eigenen Wunsch.

 

1851 Mörike heiratet die Katholikin Margarethe Speeth und unterrichtet in Stuttgart im Katharinenstift.

 

1852 Die Universität ernennt Mörike zum Dr. phil. h.c.

 

1853 Veröffentlichung des Stuttgarter Hutzelmännleins.

 

1855 Geburt der Tochter Fanny; Theodor Storm besucht Mörike.

 

1856 Die Novelle Mozart auf der Reise nach Prag wird publiziert.

 

1857 Geburt der Tochter Marie.

 

1873 Mörike trennt sich von Margarethe und versöhnt sich kurz vor seinem Tod wieder mit ihr.

 

1875 Am 4. Juni stirbt Mörike und wird am 6. Juni in Stuttgart beigesetzt.

Mörikes Grab auf dem Stuttgarter Pragfriedhof

Die Stadt Stuttgart scheut keine Kosten bei der Pflege des Grabes von Eduard Mörike (1804–1875). Auf dem Pragfriedhof findet man die letzte Ruhestätte des Dichters. Der Freund und Dozent für Ästhetik Friedrich Theodor Vischer sagte am 6. Juni 1875 am Grabe:

 

„Es gibt eine Gemeinde – und nur in der Vergleichung mit der breiten Menge ist sie klein – eine stille Gemeinde, die sich labt und entzückt an deinen wunderbaren, hellen, seligen Träumen und die Wahrheit schaut in diesen Träumen. Es gibt eine Gemeinde, die den Dichter nicht nach rednerischen Worten schätzt, die den feineren Wohllaut trinkt, der aus ursprünglichem Naturgefühl der Sprache quillt.“

Maria Meyer, die Schöne

Zeichnung von Mörikes Vikarstube
Vikarstube in Owen bei Kirchheim, Zeichnung von Eduard Mörike; Bild: DLA Marbach

Unser Bild zur Linken zeigt eine Federzeichnung Mörikes aus dem Jahr 1830. Es ist seine Vikarstube in Owen bei Kirchheim unter der Teck. Er war zu dieser Zeit mit Luise Rau verlobt, die er aber bald wieder verlassen sollte. Gewiss träumte Mörike noch von seiner kurzen und heftigen Liebschaft mit Maria Meyer. Erich Kläger konnte das Geheimnis um die schöne Schweizerin nicht gänzlich lüften, doch hat er jüngst wichtiges Material hierzu gesichtet. Einen Ausschnitt aus seinem Buch finden Sie in der MediaCulture-Bibliothek.

Peregrina-Darstellerin Wiebke Eckstein bei Dreharbeiten zu einer Mörike-Dokumentation

Wer war Maria Meyer, die Mörike zu seiner Peregrina verklärte?

Mörike lernte die geheimnisvolle Maria Meyer als 18-jähriger Tübinger Student in den Sommerferien in seiner Heimatstadt Ludwigsburg kennen. Sie arbeitete dort als neues Schankmädchen in einem Brauhaus. Der Brauereibesitzer hatte die Fremde offenbar selbst am Stadtrand ohnmächtig aufgefunden und in seinem Gasthaus angestellt. Die verführerische Schönheit des Mädchens mit den dunklen Locken sprach sich unter den jungen Männern in der Garnisonsstadt schnell herum. Für Mörike sollte die Begegnung mit ihr zu einer intensiv erlebten und verstörenden Episode seines Lebens werden – und in Form eines Gedichtzyklus’ in die deutsche Literaturgeschichte eingehen.


In den fünf Gedichten, in seinem Roman Maler Nolten erstmals abgedruckt und später mehrmals umgearbeitet, verklärte er die Begegnung mit all ihren Emotionen auf feinsinnige Weise. Schon das erste Gedicht zeugt von Faszination und Zweifel zugleich und ist von einer sanften Melancholie durchzogen: „Der Spiegel dieser treuen, braunen Augen / Ist wie von innerm Gold ein Wiederschein.“ Doch ein „Irrsal kam in die Mondscheingärten / Einer einst heiligen Liebe“, er lässt „das schlanke, / Zauberhafte Mädchen / Ferne gehen von“ sich. Doch nach der Trennung fühlt er sich als Zurückgebliebener durch einen luftgesponnenen „Zauberfaden“ mit der Verlorenen verbunden und träumt: „Wie? wenn ich eines Tags auf meiner Schwelle / Sie sitzen fände, wie einst, im Morgen-Zwielicht, / Das Wanderbündel neben ihr, / Und ihr Auge, treuherzig zu mir aufschauend, / Sagte, da bin ich wieder / Hergekommen aus weiter Welt!“


Im fünften Gedicht fragt er sich „War's möglich, solche Schönheit zu verlassen?“ Die Wiederkehr des „alten Glücks“ bleibt ein Traum, der Zyklus endet mit den hoffnungslosen Versen: „Sie küsst mich zwischen Lieben noch und Hassen, / Sie kehrt sich ab und kehrt mir nie zurück.“


Es sollte ein Jahrhundert dauern, bis die Identität der geheimnisvollen Kellnerin näher erforscht wurde. Viel mehr als ihr Name war bis dahin nicht bekannt gewesen. Der spätere Schweizer Bundesrichter Peter Corrodi nahm sich, beeindruckt von Mörikes Versen, dieser Aufgabe an. In der Hurterischen Schaffhauser-Zeitung vom 25. August 1802 fand er schließlich, was er suchte: Eine gewisse Metzgertochter Helena Meyer aus Schaffhausen ließ nach dem Vater ihres noch ungeborenen Kindes suchen, bei dem es sich um besagte Maria Meyer – Mörikes Peregrina – handelte. Geboren wurde sie am 27. Dezember 1802, war also etwa zwei Jahre älter als er.


Sie gilt als ein schönes, talentiertes, attraktives und auch unstetes Mädchen. Schon im Alter von 14 Jahren entfloh sie dem Elternhaus und zog mit der „mythischen Prophetin“ Juliane von Krüdener umher. Dieser etwa vier Monate andauernden Episode schloss sich zunächst die Untersuchungshaft und dann ein Arbeitshaus in der Heimatstadt an. Doch lange hielt es sie nicht in der Heimat. Ihr unstetes Wesen trat erneut hervor und sie vagabundierte abermals durch die Lande. Dabei fand sie nicht selten Aufnahme in besseren Kreisen, so auch zeitweise in Ludwigsburg, wo es zu der schicksalhaften Begegnung mit Mörike kommt.


Nachdem der junge Student wieder nach Tübingen zurückgekehrt war, wechselten die beiden eine Zeit lang Briefe. Doch offenbar spürte er bereits Unheil in der Beziehung herannahen und brach den Kontakt schließlich ab. Möglicherweise hatte seine Schwester Luise Einfluss auf die Entscheidung, denn sie warnte ihn mehrmals vor der Fremden, deren Wesen ihr „in einem geheimnisvollen, dunklen, ja fast […] in einem zweideutigen Lichte“ [1] erschien. 


Ein Jahr nach der kurzen Ludwigsburger Liebschaft, über deren Details nur wenig bekannt ist, sucht Maria erneut den Kontakt, doch Mörike lässt sich verleugnen, flüchtet zu seiner Mutter nach Stuttgart. Auch ein weiterer Versuch ihrerseits scheitert zwei Jahre später. Nach einiger Zeit verlässt sie Ludwigsburg, wo sie mittlerweile als Hutmacherin arbeitete, und geht zurück nach Schaffhausen.


Dort verlief ihr Leben schließlich doch in geordneten Bahnen, 1836 heiratete sie einen aus Nürnberg stammenden Schreinermeister, mit dem sie in verschiedenen Schweizer Ortschaften in einfachen Verhältnissen lebte. Sie starb kinderlos am 2. September 1865. Ob sie die Peregrina-Gedichte je gelesen hat, ist nicht bekannt.


Mörike hat sie nie wieder getroffen. Ihre Briefe hat er allesamt vernichtet, doch ihr Bild trug er „als heilige Reliquie in seinem Herze“, so sein Freund Ludwig Bauer. [2]


In seinem Peregrina-Zyklus ging sie in verklärter Form in die Weltliteratur ein. Der Theologe und Mörike-Biograf Reiner Strunk bezeichnete die Gedichte als „lyrische Meditationen über das Geheimnis der Liebe, über ihre tiefe Selbstwidersprüchlichkeit, die ebenso beglückend wie niederschmetternd, zärtlich und grausam, belebend und tödlich wirken kann“. [3]

Lieder nach Gedichten von Mörike

Torsten Reiprich und Kathrin Kiehl
Peregrina: Torsten Reiprich und Kathrin Kiehl

Vielleicht ist es ja viel gescheiter und auch poetischer, wenn Sie sich einfach durch die Vertonungen von einigen Mörike-Liedern verzaubern lassen. Wir haben für Sie die sehr einfühlsamen Kompositionen des Duos Torsten Reiprich und Kathrin Kiehl ausgesucht. Reiprich wurde 1970 in Leipzig geboren und tingelt seit 1991 mit wunderbarer Stimme durch die Lande. Kiehl, 1980 in Potsdam geboren, spielt Altflöte, Xaaphoon, Cello, Percussion und singt natürlich auch.

 

Nimmersatte Liebe

 

Der Feuerreiter

 

Um Mitternacht

 

Die CD, der wir die Lieder entnommen haben, heißt Peregrina und ist über die Homepage der Künstler zu bestellen: www.peregrina.de

Gedichte gesprochen

Mörike-Zeichnung der Kirche von Bernhausen
Bebenhausen; Bild: DLA Marbach

An der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart gibt des den Diplomstudiengang Sprecherziehung. Im Mörike-Jahr beschäftigten sich die Studierenden selbstverständlich eingehend mit den Texten des schwäbischen Dichters. Wir durften die sprechenden Künstler vor dem Mikrofon belauschen und haben das eine oder andere Mörike-Gedicht mitgebracht.

Um Mitternacht, gesprochen von Martina Volkmann


Auf eine Lampe, gesprochen von Diana Schade


Am Rheinfall, gesprochen von Andree Gubisch


Nächtliche Fahrt, gesprochen von Anne Kuehl


Ein Stündlein wohl vor Tag, gesprochen von Katrin Reiner


Die Geister am Mummelsee, gesprochen von Maria Hafner


Die Herbstfeier, gesprochen von Lena Boessen

Gedichte interpretiert

Das Tübinger Schloss
Schloss Tübingen; Bild: DLA Marbach

Texte zum Leben und Werk von Mörike

Eduard Mörike in jungen Jahren; Bild: DLA Marbach

Quellen

[1] Reiner Strunk: Eduard Mörike. Pfarrer und Poet. Stuttgart 2004, S. 54. [zurück]

[2] Reiner Strunk: Eduard Mörike. Pfarrer und Poet. Stuttgart 2004, S. 56. [zurück]

[3] Reiner Strunk: Eduard Mörike. Pfarrer und Poet. Stuttgart 2004, S. 58. [zurück]

Links

Mörike-Bibliografie

Sehr brauchbare und umfangreiche Bibliografie des Germanisten Michael Mandelartz von der Universität in Tokyo, die vom Autorenteam sorgfältig gepflegt wird.

Literatur

Veronica Beci: Eduard Mörike. Die gestörte Idylle. Biografie. Düsseldorf 2004.

Mathias Mayer: Mörike und Peregrina. Geheimnis einer Liebe. München 2004.

Reiner Strunk: Eduard Mörike. Pfarrer und Poet. Stuttgart 2004.

Pädagogische Praxis

Bibliothek

Deutsch, Lehrkräfte, Schreiben / Recherchieren, Sekundarstufe

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* = Pflichtfeld

*
*
*

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*